Vom Angestellten zum Menschen: Teil 1: Vollzeit abhängig?

Neulich landete ich während eines OpenSpaces zum Thema „New Work“ mitten in Diskussionen über den Wert einer „abhängigen Vollzeitbeschäftigung“ und das Teilzeit nur eine halbe Sache bei sinnvoller Arbeit sei.

Eine nur „Teilzeit abhängige“ Frau sagte vor lauter Wut,  dass sie als Mutter ohnehin so gut organisiert sein müsse, dass sie die Arbeit, die ihre Nicht-Eltern-Kollegen in 40 Stunden machen würden, ohnehin in 30 schaffe. Das konnte ich über mich definitiv nicht behaupten, ich hielt mich jedoch zurück.

In der Gruppe kam es zu wilden Diskussionen: ob Eltern per se so super effektive Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen seien, oder ob diese nicht vielleicht manchmal nur zur Arbeit kämen, um sich von ihrer anstrengenden Familie zu erholen oder, oder, oder.

Viel spannender aber fand ich ja die Selbstverständlichkeit, mit der die „Leistung“ eines Mitarbeitenden immer noch in Stunden festgelegt, gemessen, honoriert wird. Dabei fallen Ihnen wie mir bestimmt unzählige Beispiele für Arbeitszeitabsurditäten ein, wie z.B. DIE Raucher, die nach Meinung vieler Nichtraucher-Kollegen mehrere Arbeitszeit-Stunden in der Woche vor der Tür verbringen, anstatt im Büro. Sie kennen auch das Absitzen der Arbeitszeit in Büros (besonders schlimm, wenn auch noch die meisten Webseiten gesperrt sind) und Zeit-Tot-Schlagen, weil noch ein paar Überstunden für den nächsten Brückentag benötigt werden.

Eine Freundin erzählte mir neulich, sie arbeite in einer Firma, in der alle mindestens bis 19 Uhr bleiben müssten, sonst gelte man als unwichtig und eigentlich auch als überflüssig. Manchmal sei es wirklich schwierig, geschäftig auszusehen, so bliebe eigentlich immer nur, laut gegenseitig zu erzählen, wie viel doch zu tun sei.

Und eine andere Freundin, die in Teilzeit die gleiche Anzahl von Fällen schaffte wie ihre Kollegen in Vollzeit, wurde so sehr gemobbt, dass sie kündigte (Glückwunsch).

Feste Arbeitszeiten, oder vielmehr Anwesenheitszeiten, können natürlich in einigen und nicht wenigen Bereichen Sinn machen, aber Leute, Hand-aufs-Herz: In den meisten Fällen sind diese Regelungen überflüssig und längst überholt, vernichtend für einen Umgang auf Augenhöhe in einer Organisation.

Steckt hinter der anscheinenden Notwendigkeit der vereinbarten Arbeitszeit immer noch der Grundgedanke, dem Arbeitnehmer sei nicht zu trauen, er oder sie sei eigentlich faul, würde sich sicherlich aus dem Staub machen, wenn die Arbeitszeitfestlegung nicht wäre? Oder reproduzieren wir einfach schlechte Angewohnheiten?

Die Tatsache, dass die Vergütung und die Position von Mitarbeitenden immer noch in den allermeisten Bereichen primär an Stunden der physischen Anwesenheitszeiten gemessen werden, ist traurig für alle Beteiligten.

Wer als Organisation „motivierte und eigenständige Mitarbeiter“ sucht, diese aber behandelt wie Unmündige, darf sich nicht wundern, wenn das wahre Gesicht, die wahre Motivation, das wahre Engagement nie zum Vorschein kommt bzw. sich das Gesicht auch bei nächster Gelegenheit in ein anderes Unternehmen verabschiedet.

Wer seinen Mitarbeitenden nicht gestattet, andere Themen als die Erwerbstätigkeit mit Leidenschaft zu verfolgen, wird sich kontinuierlich anlügen lassen müssen.

Ich frage mich, ob wir das alles so wirklich noch wollen?

Vom Angestellten bis zum Menschen scheint es mir hier und da noch ein recht langer Weg zu sein, doch viele sind schon auf der Reise und das freut mich sehr!